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Neue Krebsmittel greifen gezielt in Tumor ein - weniger Nebenwirkungen

In wenigen Monaten soll in der Europäischen Union erstmals ein Krebsmittel auf den Markt kommen, das die Nährstoffzufuhr zum Tumor stoppt und ihn somit aushungert. In den USA ist das Medikament namens Avastin bereits zugelassen. Es bremst das Wachstum der Blutgefäße im Tumor und drosselt somit die Sauerstoffversorgung. Folge: Der Tumor kann nicht mehr weiterwachsen. Dieses Prinzip hatte Judah Folkman von der Havard Medical School in Cambridge (US-Staat Massachusetts) bereits vor rund 30 Jahren vorgeschlagen und zunächst den Spott der Kollegen geerntet.

Das neue Mittel ist nur eines von mehreren zielgerichteten Krebsmedikamenten, die derzeit aus den Forschungslabors der Pharmakonzerne auf den Markt schießen. Den Anfang machte in der EU im Jahr 2000 Herceptin, das bei einer speziellen Genveränderung ansetzt, die bei jeder dritten Brustkrebspatientin eine Rolle spielt. Es folgten unter anderem Mabthera gegen einen Lymphknotenkrebs. Glivec gegen eine spezielle Form von Blutkrebs und Erbitux gegen eine Art von Darmkrebs.

Allen gemeinsam ist, dass sie nicht wie die Chemotherapie auf breiter Basis den Zelltod auslösen, sondern gezielt nur an einer ausgewählten Stelle ansetzen. Sie haben daher deutlich weniger Nebenwirkungen. Allerdings können sie alleine meist nicht viel bewirken, und bei den meisten der Medikamente besteht die Gefahr, dass die Tumore gegen die Mittel resistent werden.

Die klassischen Therapien Operation, Bestrahlung und Chemotherapie sind bislang in der Regel nicht ersetzbar. Aber verschiedene neue, auf den Patienten zugeschnittene Ansätze könnten künftig zusammen mit einer optimalen Frühdiagnose per einfachem Bluttest dem Krebs einen Teil des Schreckens nehmen. "Ich glaube, dass in 20 Jahren die meisten Tumore heilbar sind", sagt Prof. Hans-Joachim Schmoll vom Universitätsklinikum Halle. Derzeit wird nach Expertenschätzungen etwa die Hälfte der Krebspatienten geheilt - je nach Krebsform, Alter und Stadium der Krankheit. Bei Kindern liegen die Heilungschancen nach Angaben der Deutschen Krebshilfe sogar bei 75 Prozent.

Auf die Individualisierung der Krebstherapie setzt auch die Deutsche Krebshilfe, die viele Forschungsprojekte in diesem Bereich fördert, "Es gibt mehrere hundert verschiedene Krebsarten", sagt Sprecherin Eva Kalbheim. Daher sei keine Wundertherapie zu erwarten. "Aber die zielgenaue Therapie ist die Krebsmedizin der Zukunft." Dabei helfen könnten insbesondere die neuen Wirkstoffe - oft sind das Antikörper, die ganz spezifisch an einer Andockstelle (Rezeptor) auf den Krebszellen angreifen. "Zweite Hoffnung der modernen Schulmedizin sind spezifische Impfungen gegen Krebs", erläutert Kalbheim. Dabei aktivieren Mediziner das Immunsystem, speziell gegen die Krebszellen zu kämpfen. Bislang ist noch keine Impfung auf dem Markt. Als dritten Ansatz nennt Kalbheim die zielgenaue, computergesteuerte Bestrahlung von Tumoren.

Kombination aus Chemotherapie und neuen Wirkstoffen
Noch ersetzen die meisten der neuen Medikamente die herkömmliche Chemotherapie nicht, sondern ergänzen sie. Die Chemotherapie führt ganz allgemein zum so genannten programmierten Zelltod und zielt auf alle Zellen, die sich besonders schnell teilen. Betroffen sind daher auch Zellen der Schleimhäute und der Haarwurzel, wodurch die starken Nebenwirkungen wie Übelkeit und Haarausfall entstehen.

Die Chemotherapie kann jedoch nur zum programmierten Zelltod führen, wenn das Programm dafür intakt ist. Hat sich in der Folge der Reaktionen, die zum Zelltod führen, ein Fehler eingeschlichen, dann stirbt die Tumorzelle trotz Chemotherapie nicht. Genau hier setzt laut Schmoll beispielsweise Erbitux gegen Darmkrebs an, das im Juni europaweit zugelassen wurde. Es enthält einen Antikörper namens Cetuximab, der auf eine spezifische Andockstelle für einen Wachstumsfaktor auf der Oberfläche einer Tumorzelle passt. Durch diese Blockade kann der Rezeptor keine Wachstumssignale in das Innere der Krebszelle weiterleiten. Damit könne der Zelltod wieder ablaufen, erläutert Schmoll. Das Krebswachstum wird gestoppt.

"Die meisten Tumore haben mehrere bis sehr viele Störungen im genetischen Programm der Zelle", sagt Schmoll. "Alleine haben die meisten spezifischen Medikamente daher eine relativ schwache Wirkung." Aber in Kombination mit der Chemotherapie seien sie hilfreich. "Es ist ein Paradigmenwechsel. Vorher hatten wir immer nur weitere Chemotherapeutika."

Das Medikament Avastin (Antikörper Bevacizumab) ist bereits seit Februar in den USA auf dem Markt, eine EU-Zulassung zur Bekämpfung von Krebs erwartet das Unternehmen Roche für das erste Quartal 2005. Der Antikörper blockiert einen Wachstumsfaktor (VEGF), der ansonsten die Neubildung von Blutgefäßen im Tumor stimuliert, und vermindert somit das Wachstum der Blutgefäße im Tumor. Patienten mit Metastasen beim Dick- oder Enddarmkrebs, die eine Chemotherapie und Avastin bekamen, lebten laut Roche fünf Monate länger als Patienten, die nur eine Chemotherapie erhielten. "Es ist das erste Medikament zum Thema Tumoraushungern", sagt Schmoll. Dies Gebiet stecke noch in den Kinderschuhen. "Die Mediziner haben noch nicht alle Möglichkeiten ausgelotet."

"Auch spezifische Medikamente sind nicht die Wunderwaffe gegen Krebs", betont der Krebsmediziner. Avastin etwa führt bei allen Patienten mehr oder weniger zu einer Resistenz. Bei der Hälfte der Patienten ist es nach 10 Monaten nicht mehr wirksam; zumindest nicht in Kombination mit der gewählten Chemotherapie", sagt Schmoll. "Möglicherweise aber wirkt Avastin beim Wechsel der eingesetzten Chemotherapie wieder." Beim Einsatz der zielgerichteten Medikamente nach einer operativen Entfernung des Tumors bestehe jedoch die Hoffnung, den Patienten komplett zu heilen.

Einzelne Eiweiße verraten den Tumor noch nicht ausreichend
Mindestens ebenso wichtig wie die Behandlung von Spättumoren sei im Kampf gegen Krebs jedoch die Früherkennung. "Wir sind am Beginn einer schnell aufsteigenden Kurve Richtung Früherkennung und Frühheilung", meint Schmoll: "Es wird bald möglich sein, Tumore einfach per Blutabnahme zu erkennen." Bestimmte Eiweiße im Blut sollen den Tumor frühzeitig verraten und damit die Heilungschancen drastisch erhöhen.

Ein erster Test, der ein Prostata-spezifisches Antigen (PSA) nachweist, wird jedoch nur von wenigen Männern genutzt und als Screening-Untersuchung nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Die Gießener Firma ScheBo Biotech AG brachte im März 2003 den Darmkrebstest "Tumor M2-PK" auf dem Markt, der ein Molekül im Stuhl nachweist. Beide Diagnoseverfahren sind jedoch umstritten und zeigen Tumore nicht mit hundertprozentiger Sicherheit an. "Die einzige Untersuchung, mit der man bei der Darmkrebs-Früherkennung Sicherheit bekommt, bleibt die Darmspiegelung, die mittlerweile zum Programm der gesetzlichen Krebs-Früherkennung gehört“, erklärt Krebshilfe-Sprecherin Kalbheim. Sie warnt zudem vor Krebstests aus der Apotheke: "Ein Krebstest gehört in jedem Fall in die Hand des Arztes."

Gelänge die Diagnose von Krebs im Frühstadium, könnten bereits mit heutigen Therapien 90 Prozent der Krebskranken fünf, zehn und mehr Jahre überleben, sagte Lee Hartwell, Präsident des Fred Hutchinson Krebsforschungszentrums in Seattle, auf dem Kongress der Amerikanischen Krebsgesellschaft in New Orleans. Er möchte sich nicht auf einzelne Moleküle verlassen, sondern für jede Krebsart ein spezifisches Muster aus Proteinen finden, das den jeweiligen Tumor anzeigt. Angesichts von etwa einer Million Protein-Arten im Blut müssten sich viele Forschungszentren zusammenschließen, ähnlich etwa, wie es bei der Entzifferung des menschlichen Erbguts der Fall gewesen sei. Doch alle Tests können nur helfen, wenn die Bereitschaft zur Vorsorge steigt. Derzeit geht nach Angaben der Deutschen Krebshilfe überhaupt nur jeder sechste Mann und jede zweite Frau zur Früherkennung.

Internet
Deutsche Krebshilfe:
www.krebshilfe.de

Hamburg (dpa/fwt) - Simone Humml, 10/04



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