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Moleküle aus Insekten sollen eines Tages gegen Krebs helfen

- Straßburger Labor forscht mit Krabbeltieren aus aller Welt
Von Amélie Bottollier-Depois

Sie stellen mehr als die Hälfte aller Lebewesen auf der Erde, passen sich praktisch jedem Lebensraum an und haben eine Unzahl von Abwehrstoffen gegen Bakterien aller Art entwickelt. Letztere Eigenschaft der Insekten ist es vor allem, die die rund 25 Mitarbeiter eines pharmazeutischen Forschungslabors in Straßburg interessiert. Seit der Gründung der Privatfirma Entomed vor fünf Jahren versuchen dort Biologen, Pharmakologen, Chemiker und Insektenforscher, aus Krabbeltieren Moleküle für Arzneimittel zu gewinnen. Und hoffen, damit eines Tages möglicherweise sogar
Krebs besiegen zu können.

Erfolg versprechend im Kampf gegen Krebs seien vor allem zwei Programme mit "besonders aktiven Molekülen", erläutert der Leiter des Labors, der Pharmakologe Jean Combalbert. Dabei handele es sich um Moleküle, die Krebszellen zerstören und ihre Verbreitung in Körper bremsen könnten. Es sei aber noch zu früh zu sagen, gegen welche Krebsart die Insektenmoleküle möglicherweise wirksam sein können.

Dem Wissenschaftler zufolge wurden die fraglichen Moleküle zunächst in Reagenzschalen mit Krebszellen in Verbindung gemacht. Die Zellen seien "stark reduziert" und ihre Ausbreitung gebremst oder gar gestoppt worden. Eine andere Forschergruppe testet die Moleküle derzeit an krebskranken Mäusen. Auch diese Experimente seien bisher vielversprechend, versichert Combalbert. Er hofft, dass noch vor Ende 2005 klinische Tests an Menschen begonnen werden können. Dazu sucht das Labor derzeit einen Partner in der Pharma-Industrie. Denn bisher werden die Ambitionen der Forscher vor allem vom Geldmangel gebremst. Die Erforschung neuer Arzneimittel ist sehr langwierig und teuer. Bis ein Medikament endlich vermarktet werden kann, vergehen meist Jahre.

Kontakte mit finanzkräftigen Partnern in der Industrie soll dem Biotech-Unternehmen nicht zuletzt seine umfangreiche "Entomothèque" verschaffen - eine Sammlung von rund 14.000 Molekülen, die die Straßburger Forscher entweder selbst aus Insekten gewonnen oder aber "optimiert" haben. Hier seien nicht nur Wirkstoffe gegen Krebs und Infektionen zu finden, sondern auch für andere Anwendungsbereiche, sagt Combalbert.

Für das Aufspüren von geeigneten Käfern, Heuschrecken, Spinnen, Fliegen, Libellen, Schmetterlingen und anderen Krabbeltieren ist bei Entomed der Insektenforscher Roland Lupoli zuständig. Er hat das internationale Netzwerk "entoweb" geschaffen, in dem Experten aus aller Welt ihre Kenntnisse austauschen. "Wir haben überall gesucht, allerlei Arten von Insekten gesammelt und mit der Zeit herausgefunden, welche für uns interessant sein könnten".

Dazu kochen die Forscher die Insekten zunächst in Alkohol aus und lassen die Flüssigkeit dann durch einen Chromatographen laufen - eine Maschine, die chemische Fraktionen herausfiltert. Auf diese Weise fanden sie beispielsweise ein Eiweißteilchen (Peptid), das gegen Blutvergiftungen wirksam ist. Aus einer Schmetterlingsart gewannen sie ein Peptid, das Pilzinfektionen bekämpfen hilft, vor allem gegen solche, die sich immunschwache Patienten in Krankenhäusern holen.

Viele Insekten, die in dem Labor im Straßburger Technologiepark Illkirch-Graffenstaden in Tiefkühltruhen oder Kühlkammern gelagert sind, stammen aus den Tropenwäldern des Übersee-Departements Französisch-Guyana. Aber auch im Amazonas, in China und Westafrika wurde Lupoli fündig. "In den Tropen gibt es nicht nur die größte Artenvielfalt, die Insekten mussten wegen der extremen Lebensbedinungen auch besonders viele Abwehrstoffe entwickeln", erläutert der Franzose. Über mangende Arbeit wird er auch in Zukunft nicht zu klagen haben: Bisher sind rund eine Million Insektenarten bekannt, Schätzungen zufolge gibt es aber mindestens drei Mal so viele.

Straßburg, (AFP) - jh/jpf/kl, 10/04



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